2962 Meter

Ich verpasse etwas. Ein Gedanke, den ich bekämpft habe mit Fäusten, Fingernägeln und manchmal auch mit Handgranaten. 2013 wurde mir die chronische Darmerkrankung vor die Füße gelegt und darüber hinwegsteigen ging nicht. Ich weiß nicht wie es ist, wenn man in höherem Alter erkrankt, aber ich weiß wie es für eine 20-Jährige ist: Stellt euch einfach vor, Trump marschiert in euer Leben ein, wirft rechts und links eure Lieblingsvasen um und lacht widerlich dabei. Und dann sind da all die Dinge, die ihr erleben wollt: Wein mit Freunden, Party hier, Konzert da – aber der eigene Körper nutzt seine Energie ungefragt dafür, Trump zusammenzuschreien. Das Ergebnis: Sofa. Und sich überschlagende Gedanken rund um Insider, die ich nicht kennen werde, Erinnerungen, die ich nicht teilen werde, Zeit, die meine Freunde enger zusammen schweißt und mich von ihnen entfernt. „Nein“ sagen. Enttäuschte Blicke ernten. Irgendwann nicht mehr gefragt werden. Das zu akzeptieren ist ein Berg. Und zwar eher so die Zugspitze. 2962 Meter. Mit Flip Flops. Aber ich verspreche: Auf dem Weg nach oben macht die Aussicht das Leben zu einem tiefblauen Geschenk mit Wattewolken. Ich glaube, ganz oben bin ich noch lange nicht angekommen und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das jemals werde, wenn Trump mich zwischendurch schubst, obwohl ich Joghurt im Rucksack habe. Aber auch das ist okay.
Gerade habe ich auf dem Berg gepicknickt. War zwei Wochen lang an den Abenden und am Wochenende fast nur zu Hause, habe tausend Dinge ausschließlich für mich selbst gemacht. Nie habe ich das so sehr schätzen können wie jetzt. Heute bin ich das erste Mal unterwegs. Nur schöne Dinge. Nur solange es mir gut geht. Auch, wenn ich etwas verpasse könnte. Denn, was ich sicher verpassen würde, wenn ich an mir selbst vorbeilebte, ist mein ganz eigenes Leben. Und ich brauche keinen Kampf, um zu wissen, dass mein Leben es 100 Prozent wert ist, uneingeschränkt geliebt zu werden.
Kämpfe nicht gegen dich. Liebe dich. Nur wer das verpasst, hat wirklich etwas verpasst.

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